Jedes Gehirn verarbeitet die Welt auf seine eigene Weise.
Der Begriff Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne – also die Tatsache, dass Menschen Reize, Informationen, Gefühle und soziale Situationen unterschiedlich wahrnehmen und verarbeiten. ADHS und Autismus sind Ausdruck einer solchen neurologischen Andersartigkeit: Sie bringen besondere Stärken mit sich, können im Alltag aber auch zu deutlichen Belastungen führen.
Haben Sie sich schon häufiger gefragt, warum Ihnen manches so viel mehr Kraft kostet als anderen – oder haben Sie von Ihrem Umfeld immer wieder rückgemeldet bekommen, „anders“ zu sein? Dann kann eine andere Art der neuronalen Verarbeitung dahinterstecken, etwa eine ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS).
Eine fundierte Diagnostik kann Ihnen helfen, sich selbst besser zu verstehen, bisherige Erfahrungen neu einzuordnen und passende Unterstützung zu finden.
ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Die ADHS ist eine neurobiologisch bedingte Entwicklungsbesonderheit, die bereits in der Kindheit beginnt und häufig bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Bei Erwachsenen zeigt sie sich oft weniger offensichtlich als bei Kindern – etwa als innere Unruhe, Erschöpfung, Chaos im Alltag oder das Gefühl, trotz großer Anstrengung hinter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben. Typischerweise betrifft sie drei Bereiche:
Aufmerksamkeit
Schwierigkeiten, die Konzentration aufrechtzuerhalten, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, Probleme beim Organisieren, Priorisieren und Beenden von Aufgaben – bei gleichzeitig möglicher intensiver Fokussierung auf Interessantes (Hyperfokus).
Hyperaktivität
Im Erwachsenenalter häufig als ständige innere Unruhe, Rastlosigkeit, Schwierigkeiten beim Stillsitzen oder Entspannen, ein „Motor, der nie abschaltet“, oder übermäßiges Reden.
Impulsivität
Vorschnelles Handeln oder Antworten, Ungeduld, Schwierigkeiten zu warten, spontane Entscheidungen (z. B. finanziell) sowie eine oft intensive, schnell wechselnde Gefühlswelt.
Eine ADHS-Diagnose setzt eine ausführliche Diagnostik voraus. Nur so lässt sich Klarheit gewinnen und eine passende Behandlung einleiten. Die Diagnostik in meiner Praxis umfasst folgende Bausteine:
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01
Psychodiagnostische Fragebögen
Mithilfe standardisierter Fragebögen werden aktuelle Beschwerden sowie Auffälligkeiten in der Kindheit erfasst. So entsteht ein erstes, wissenschaftlich vergleichbares Bild Ihrer Symptomatik.
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02
Strukturiertes klinisch-diagnostisches Interview
In einem mehrstündigen Termin werden die diagnostischen Kriterien systematisch und anhand konkreter Alltagsbeispiele besprochen – sowohl für das Erwachsenenalter als auch rückblickend für Kindheit und Jugend.
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03
Biografische Informationen
Da eine ADHS bereits in der Kindheit beginnt, ist Ihre Lebensgeschichte zentral: Schulzeit, Ausbildung, Beruf, Beziehungen und bisherige Bewältigungsstrategien helfen, den Verlauf nachzuvollziehen.
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04
Fremdanamnese
Wenn möglich, wird zusätzlich eine Bezugsperson befragt, die Sie in Kindheit und Jugend erlebt hat – zum Beispiel ein Elternteil.
Leider ist eine persönliche Fremdanamnese nicht immer möglich. In diesem Fall können fremdanamnestische Informationen auch über Fotos, Videos oder Schulzeugnisse aus Kindheit und Jugend sowie über Berichte aus vorangegangenen Therapien gewonnen werden.
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05
Differentialdiagnostik
Abschließend wird geprüft, ob Ihre Beschwerden nicht besser durch eine andere Ursache erklärt werden können – etwa durch eine depressive Erkrankung, eine Angststörung oder Schlafprobleme. Ebenso wird betrachtet, inwiefern eine vorhandene ADHS selbst weitere Belastungen mit sich bringt oder begünstigt.
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06
Somatische Abklärung
Einige körperliche Ursachen können ähnliche Beschwerden hervorrufen – etwa Schilddrüsenfunktionsstörungen, Schlafstörungen oder der Konsum bestimmter Substanzen. Ergänzend empfiehlt sich daher eine haus- oder fachärztliche Abklärung körperlicher Ursachen. Dies ist insbesondere vor einer möglichen medikamentösen Behandlung wichtig.
ASS – Autismus-Spektrum-Störung
Autismus ist eine angeborene, lebenslang bestehende Besonderheit der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Viele Erwachsene haben über Jahre gelernt, ihre Besonderheiten auszugleichen oder zu verbergen („Masking“) – oft zum Preis großer Erschöpfung. Bei einer ASS zeigen sich Auffälligkeiten insbesondere in folgenden Bereichen:
Sozialverhalten & Gegenseitigkeit
Schwierigkeiten, soziale Situationen intuitiv zu lesen, unausgesprochene Regeln zu erfassen, Beziehungen aufzubauen oder Gespräche wechselseitig zu gestalten.
Kommunikation & Sprache
Ein eher wörtliches Sprachverständnis, Schwierigkeiten mit Ironie oder Andeutungen, Besonderheiten in Blickkontakt, Mimik, Gestik oder Sprachmelodie.
Stereotype Verhaltensweisen & Interessen
Ein starkes Bedürfnis nach Struktur und Routinen, sehr intensive Spezialinteressen, wiederkehrende Verhaltensweisen sowie eine veränderte Reizempfindlichkeit (z. B. gegenüber Geräuschen, Licht oder Berührung).
Auch die Autismus-Diagnostik ist ein multifaktorieller Prozess, in dem verschiedene Informationsquellen sorgfältig zusammengeführt werden:
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01
Standardisierte Screening-Verfahren
Zu Beginn werden autismusspezifische Fragebögen und Tests eingesetzt, die Hinweise auf typische Merkmale im Erleben und Verhalten geben.
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02
Biografische Anamnese
Da Autismus von Geburt an besteht, reicht eine Momentaufnahme nicht aus. Im biografischen Gespräch wird gemeinsam betrachtet, ob sich Ihre Andersartigkeit im Erleben und in der Verarbeitung von Reizen, Beziehungen und sozialen Situationen wie ein roter Faden durch Ihr gesamtes Leben zieht – von der frühen Kindheit über die Schulzeit bis heute.
Gerade diese Dauerhaftigkeit unterscheidet eine ASS von Schwierigkeiten, die erst durch belastende Lebensumstände oder andere psychische Erkrankungen entstanden sind.
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03
ADOS-2 – standardisierte Verhaltensbeobachtung
In einem mehrstündigen Termin wird das ADOS-2 (Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen – 2) durchgeführt. Es gilt international als eines der zentralen Verfahren in der Autismus-Diagnostik.
Sie werden dabei zu verschiedenen Aufgaben eingeladen – beispielsweise eine Geschichte anhand eines Bilderbuchs zu erzählen, ein Bild zu beschreiben oder etwas kreativ zu gestalten. Ergänzend folgen Gesprächsteile mit gezielten Fragen zu Themen wie Freundschaften, Gefühlen, Alltag und Arbeit.
Wichtig zu wissen: Beim ADOS-2 gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ und nichts, was man bestehen muss. Beobachtet wird, wie Sie kommunizieren und in Kontakt treten – nicht, was Sie wissen oder können. Eine besondere Vorbereitung ist nicht nötig; am besten verhalten Sie sich so natürlich wie möglich. Da viele Erwachsene gelernt haben, ihre Besonderheiten zu kompensieren, wird das Ergebnis stets im Zusammenhang mit allen anderen Informationen bewertet.
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04
Fremdanamnese
Auch hier wird, wenn möglich, eine Bezugsperson befragt, die Sie in der Kindheit erlebt hat – zum Beispiel ein Elternteil.
Ist eine persönliche Fremdanamnese nicht möglich, können Fotos, Videos oder Schulzeugnisse aus Kindheit und Jugend oder Berichte aus vorangegangenen Therapien herangezogen werden.
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05
Differentialdiagnostik
Abschließend wird geprüft, ob die Auffälligkeiten besser durch eine andere Ursache erklärt werden können – etwa durch soziale Ängste, Persönlichkeitsmerkmale, Traumafolgen oder eine ADHS – und welche weiteren Belastungen gegebenenfalls zusätzlich bestehen.
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06
Somatische Abklärung
Je nach Fragestellung ist ergänzend eine ärztliche Abklärung sinnvoll, um körperliche oder neurologische Ursachen auszuschließen – beispielsweise Beeinträchtigungen des Hörens oder Sehens oder neurologische Erkrankungen.
Wenn beides zusammenkommt – ADHS und Autismus
ADHS und Autismus treten deutlich häufiger gemeinsam auf als lange angenommen. Für dieses gleichzeitige Vorliegen hat sich der Begriff AuDHS etabliert. Die beiden Profile können sich dabei gegenseitig überlagern oder sogar „ausgleichen“: So kann etwa das autistische Bedürfnis nach Struktur auf die ADHS-typische Spontaneität und Reizsuche treffen – was das Erleben oft widersprüchlich und die Einordnung schwierig macht.
Besteht der Verdacht auf beide Diagnosen, werden ADHS- und ASS-Diagnostik miteinander kombiniert. Die Ergebnisse werden gemeinsam betrachtet, damit sichtbar wird, welche Merkmale welcher Besonderheit zuzuordnen sind und wie beide zusammenwirken.
Ihr Befundbericht
Am Ende der Diagnostik erhalten Sie einen ausführlichen schriftlichen Bericht, in dem alle Ergebnisse zusammengeführt und erläutert werden. In einem abschließenden Gespräch besprechen wir die Befunde und mögliche nächste Schritte. Den Bericht können Sie bei relevanten Stellen vorlegen – etwa bei Ärzt:innen, Arbeitgebern, Hochschulen oder Behörden.
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